Wie viel Spielzeug braucht ein Kind?

Neulich erreichte mich ein Kommentar „Meine Einjährige hat wenig Spielzeug, aber so ganz ohne geht es doch nicht, sie kann ja noch nichts selber basteln oder Rollenspiele spielen“. Das stimmt, das geht mit so Kleinen natürlich nicht. Aber ganz ehrlich: Meine Kinder wollten in dem Alter eigentlich immer bei mir bzw. ihrem Papa sein und mit allem spielen, was wir gerade hatten. Schneebesen, Handy (aaaahhh), Topfschrank ausräumen, Schüsseln stapeln…

Dass sie wirklich alleine spielen, das hat so viel später angefangen. Jetzt sind sie 4 und 6 und JETZT erst (na gut, seit einigen Monaten) sitzen L. und ich am Wochenende manchmal nach dem Frühstück in der Küche und denken uns, hey, jetzt könnte man glatt Zeitung lesen!

Wie schon früher gesagt, würde ich mit Spielzeug wirklich warten, bis sich die Kinder Dinge wünschen. Das ist schwierig, wirklich schwierig, ich weiß. Der größte Feind des spielzeugfreien Kinderzimmers sind tatsächlich die Eltern, das wird mir immer klarer. Natürlich sortieren Kinder nicht gerne aus und sie räumen auch nicht gerne auf. Aber wir reden hier meistens über 2 – 6-jährige. So kleine Kinder sind alles, nur nicht verantwortlich dafür, wie es in ihrem Zimmer aussieht. Die meisten Dinge darin, haben sie nie haben wollen. Sie haben sie einfach bekommen, weil wir Eltern (oder oft noch die Großeltern) dachten, sie bräuchten das. Oder weil es uns in unserer Kindheit so viel Spaß gemacht hat, damit zu spielen. Oder weil wir es gern gehabt hätten aber nie bekommen haben. Oder, oder, oder…

Zum ersten Geburtstag unseres ersten Kindes haben wir uns das Gehirn zermartert. Wir wollten ihm so gerne etwas schenken und es sollte auch was ganz tolles sein und überhaupt. Bekommen hat er ein Schiebetier aus Holz und einen Brummkreisel. Damit hat er NIEMALS gespielt.

Unser Geschenk zum 2. Geburtstag war ein Puppenherd. Dazu gab es noch kleine Töpfe, Pfannen und Kochlöffel, außerdem Puppengeschirr. Für uns war klar, dass jedes Kind eine Puppenküche braucht. Er hat damit in seinem Leben nicht ein Mal gespielt. Von Freunden bekam er Stoffobst und -gemüse. Nie angefasst. Als seine Schwester größer wurde, deren Interesse das eher traf, fingen sie an, das Puppengeschirr und die Töpfe zu benutzen. Den Herd und das Stoffobst brauchten sie aber nicht. Meistens gab es Picknick auf einer Decke auf dem Kinderzimmerboden und die Töpfe waren gefüllt mit Kastanien und Steinen. Ich kaufte ihnen kleine Gläschen und befüllte sie mit den Steinen und Kastanien. Die Gläschen nutze ich inzwischen in der Küche, denn die Kinder ließen sie komplett links liegen und verstauten die Teile lieber gleich in den Töpfen oder in Körben (davon hatten sie auch diverse im Kinderzimmer).

Was will ich euch damit sagen? Nicht nur BRAUCHEN Kinder kein vorgefertigtes Spielzeug, sie WOLLEN es oft wirklich gar nicht.

Sie brauchen die Gelegenheit, sich an Alltagsgegenständen zu bedienen, draußen Stöcke, Steine, Kastanien, Eicheln usw. zu sammeln. Sie brauchen Zugang zu Bastelmaterial und toll wäre natürlich auch jemand, der anfangs mit ihnen zusammen bastelt, baut oder malt. Unsere Kinder sind seit jeher leidenschaftlich dabei wenn es daran geht, Möbel aufzubauen, etwas auseinander- oder zusammenzuschrauben. Ich meine, Akkuschrauber sind wirklich kinderleicht zu bedienen, das schaffen Zweijährige mit links (und einer helfenden Hand ;)).

Nochmal: Ich weiß, dass es schwierig ist. Wenn man das wirklich durchzieht, bedeutet das, das das Kind bis es ungefähr drei Jahre alt ist, wirklich KEIN SPIELZEUG hat. Dafür braucht man als Eltern wirklich viel Überzeugung und Vertrauen.

Da die meisten von uns nun schon Kinder haben und diese Kinder inzwischen auch Spielzeug haben, müssen wir uns für eine abgespeckte Variante entscheiden. Unsere Herangehensweise kennt ihr ja nun inzwischen – wir haben das Kinderzimmer leer geräumt und die Kinder holen sich ein bis drei Dinge zum Spielen. Mit denen spielen sie dann tatsächlich und sie wissen auch immer ganz genau, was sie haben wollen. Und ist es verwunderlich? Es sind immer nur, ausnahmslos, die Dinge, die sie sich selbst gewünscht haben.

Unsere Tochter hat sechs Puppen. Drei davon hat sie sich gewünscht, drei sind von mir früher bzw. von der Oma genäht. Mit welchen spielt sie wohl?
Erinnert ihr euch an unsere Weihnachtsgeschenke? Die Kleine hatte sich „Anna und Elsa“-Puppen gewünscht (unser Zugeständnis, sie wollte natürlich eigentlich die Barbies). Die hat sie von uns bekommen und außerdem das süße Grimm’s Bauhaus als Puppenhaus. Sie spielt unheimlich viel mit Anna und Elsa. Mit dem Puppenhaus nicht.

Es kostet etwas Überwindung, aber es lohnt sich, auch hier einfach der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Es bringt überhaupt nichts, den Kindern die schönsten Dinge zu schenken. Wenn sie sie nicht interessieren, dann werden sie damit nie spielen. Stattdessen liegen sie dann im Zimmer herum und ärgern uns.

Neulich habe ich diesen schönen Artikel gelesen http://einerschreitimmer.com/2015/01/experteninterview-mit-sonderpadagogin-katja-wie-viel-spielzeug-ist-zu-viel/. Hier werden die verschiedenen kindlichen Entwicklungsphasen im Kinderspiel sehr schön erklärt und es fällt bei den Empfehlungen für Spielzeug immer wieder der Satz „es geht auch ohne Spielzeug“.

Unsere Kinder sollten es uns wert sein, ihnen zuzuhören. Wenn wir sie ernst nehmen, werden wir sie nicht mit Spielzeug eindecken. So gut es gemeint ist – schaut euch doch selbst an: Lest ihr geschenkte Bücher, die euch überhaupt nicht interessieren, auch wenn sie noch so hoch gelobt werden? Benutzt ihr die Sojakissen von eurer Schwiegermutter, die überhaupt nicht zu eurem Farbgeschmack passen? Legt ihr Parfum auf, dass ihr geschenkt bekommen habt, aber überhaupt nicht riechen könnt? Aber ihr könnt solche Dinge wahrscheinlich auch nicht gut einfach wegschmeißen oder weggeben, insofern stehen sie dann rum und … ärgern uns.

Kinder werden von dem ganzen Spielzeug in ihrem Zimmer abgelenkt und unkonzentriert. Wir tun ihnen wirklich keinen Gefallen damit.

Zurück zur Ursprungsfrage: Wie viel Spielzeug braucht also ein Baby? Ein Einjähriges? Ein Zweijähriges?

Ein Baby braucht euch. Eine weiche Decke habt ihr sowieso, zum Drauflegen, Kuscheln usw. Damit lernt ein Baby wunderbar greifen. Es greift euren Finger, euren Reißverschluss an der Jacke. Die Fenstergriffe. Eure Kapuzenkordeln. Es kommen Phasen, wo das Baby immer mehr kann, aber vieles eben auch noch nicht. Gerne wird dann Spielzeug gegeben, um den Frust hinauszuzögern oder zu vermeiden. Das könnt ihr gerne machen, wenn es euch dann besser geht, aber ein Löffel ist für ein Baby genauso spannend wie ein Plastikrasseldings.

Es beginnt zu krabbeln und sein Radius wird größer. Wenn ihr nicht total minimalistisch eingerichtet seid, wird es jetzt selbst Dinge zum Spielen finden. Lasst es machen und freut euch einfach daran, seinem Entdeckerdrang zuzusehen, statt ihm ständig bunte Bälle und Rasseln vor die Nase zu knallen.

Einjährige – ich hatte es oben erwähnt – sind in der Küche oft wirklich sehr, sehr glücklich. Wir haben mit Krabbelalter unserer Kinder die Schubladen etwas umsortiert und dann konnten sie nach Herzenslust den Topfschrank und die Plastikschüsseln durchwühlen. Steine und Kastanien sind völlig altersunabhängig tolle Spielsachen.

Wenn euer Kind dann in der KiTa ist, könnt ihr ja mal schauen, wie sie da so spielen. Bauklötze können nie schaden. Unsere Kinder haben aber z. B. immer nur mit Duplo gespielt und die schönen Holzklötze lagen nur rum. Kapla-Steine sind zwar eine große Anschaffung, bescheren aber der ganzen Familie und auch noch sehr großen Kindern viel Spaß, weil man daraus wirklich unglaubliche Dinge bauen kann. Wenn man denn gerne baut – schaut euer Kind an. Meiner Tochter reicht bis heute eine kleine Kiste Duplo, während unser 6-jähriger sich mittlerweile Lego Technik erschließt und so viel Lego hat (und fast täglich benutzt), dass ich mir die nächsten Jahre gar nicht vorstellen mag.

Vertraut euren Kindern. Sie wissen in den meisten Fällen, was gut für sie ist. Das gilt fürs Essen genauso wie für die Kleidung und eben auch fürs Spielzeug. Ich würde meine Kinder niemals zwingen, etwas zu essen. Wieso sollte ich ihnen dann Spielzeug vorsetzen, das sie nicht haben wollen – und dann noch sauer sein, wenn es herumliegt?

Unsere Kinder, das Zimmer und unser Zusammenleben sind durch das reduzierte Spielzeugangebot sehr viel harmonischer geworden. Den Kindern fehlt nichts, sie können ihr Spielzeug jederzeit haben. Aber sie fragen wirklich selten danach!

Spielzeug der Woche (22.11.15)

Heute haben die Kinder ihr ausgewähltes Spielzeug überarbeitet und eingetauscht.

Die beiden  waren gestern mit bei mir im Laden und konnten sich beim Gehen nicht vom großen Grimm’s Regenbogen trennen,  den wir dort relativ neu haben. Im Tausch gegen die Duplosteine durfte er leihweise mit nach Hause und es ist wirklich beeindruckend,  was M. daraus baut. Als Ergänzung hat er sich noch einige Matchboxautos dazu gewählt und die Holzbausteine.

IMG_20151122_120631

 

E. bleibt sich und ihren Puppen treu und hat ihre drei Liebsten um sich versammelt:

IMG_20151122_121003.jpg

Zum Abschluss haben wir noch das Bücherregal am Bett neu bestückt,  die durchgelesen Bücher ins Flurregal aussortiert,  geliehene zurückgegeben, Dauerbrenner (es geht einfach nicht ohne Hexe Lisbeth) durften bleiben.

IMG_20151122_120650

Das Ganze kann ich hier übrigens deshalb so ausführlich mitten am Tage posten,  weil die Kinder lieber draußen spielen…  Seit gestern planen Sie eine Schneeparty,  haben „Schnee“ geschnipselt,  Einladungen geschrieben und sind vor einer Stunde warm eingepackt mit Brettchen und Kuchenformen aus der Küche im Garten verschwunden…