Spielzeugfrei und Frühförderung

Frühförderung (1)

Die Spielzeugflut in den Kinderzimmern hat, so zeigen Gespräche mit und Kommentare von Eltern sowie unseren eigene Erfahrungen, in fast allen Familien eigentlich die gleichen Gründe. Oder besser gesagt: Der Versuch, das Spielzeug zu reduzieren scheitert an den gleichen Gründen. Das sind bei nahezu allen Familien die Großeltern oder, etwas neutraler formuliert, die Schenkenden (es sind aber wirklich meistens die Großeltern…). Die andere große Hürde sind die Eltern selbst und hier oft ihre Angst, den Kindern ohne Spielzeug etwas Wichtiges vorzuenthalten. Stichwort: Frühförderung!

Ich erinnere mich noch sehr gut, als eine Mutter aus unserer Krabbelgruppe bei der zweiten Geburtstagsfeier ihres Sohnes ihr Geschenk – ein Puzzle – damit kommentierte, er möge das zwar nicht, aber er müsse ja nun mal langsam puzzeln lernen. Ich weiß noch, wie verwundert ich damals war. Puzzeln stand bei M. damals sowas von überhaupt nicht auf dem Plan (das kam erst viel später und auch dann nur kurz) und ich hatte tatsächlich kurz Angst: Huch, er muss jetzt puzzeln können? Haben wir was verpasst??? Ich hab es dann für mich abgeschrieben und das Kind ist auch so glücklich 6 geworden und kann jetzt puzzeln. Andere (feinmotorische) Dinge kann er aber viel besser – z. B. superkrasse Flugzeuge ohne Anleitung aus Lego bauen oder mit dem Schnitzmesser umgehen.

WaldEine andere Begebenheit war eine Freundin von mir, die sagte, sie „könne“ ihre Kinder nie in eine Waldkita geben (immer unser Traum gewesen), weil sie da ja nicht lernen würden, mit Scheren umzugehen, zu malen, basteln usw. Das habe ich nun schon damals nicht verstanden, denn erstens haben die Kinder ja durchaus noch ein Leben außerhalb der KiTa und außerdem geht es z. B. beim Schneiden ja nicht nur um das Üben mit der Schere selbst, sondern vor allem um die nötige Feinmotorik und das vernetzte Denken, das sie aber wunderbar im Wald lernen – beim Basteln mit Stöcken, beim Aufschichten von Steinen und, und, und…

Wie dem auch sei – es gibt also oft Gelegenheiten, bei denen vielen Gedanken à la „Aber lernt mein Kind dann genug?“ kommen. Ich bin, wie ihr wisst, überzeugte Verfechterin der These, das Kinder alles aus sich selbst heraus lernen. Natürlich nicht in einem leeren und anregungslosen Raum. Aber sie brauchen kein Puzzle um puzzeln zu lernen, sie brauchen keinen Steckkasten, um Formen zu begreifen und sie brauchen mit Sicherheit kein Spielzeug um sich drehen, krabbeln, laufen, greifen usw. zu lernen. Sie brauchen Alltag. Alltagsgegenstände. Vorbilder – Kinder wie Erwachsene. Sie brauchen Möglichkeiten, (sich) auszuprobieren, Fehler zu machen und selbst daraus zu lernen, ohne dass wir ihnen sofort sagen dass A) das jetzt gerade falsch war und B) sie es folgendermaßen besser machen können.

Was heißt das nun für spielzeugfrei? Bleiben die Kinder hinter ihren Altersgenossen auf der Strecke, weil sie kein Spielzeug haben?

Erstmal: Wohl die wenigsten haben wirklich KEIN Spielzeug. Es geht ja, auch bei uns, eher um das Reduzieren.

Spielzeugfrei macht kreativer. Das wurde im spielzeugfreien Kindergarten beobachtet, das erzählen Familien, die ebenfalls reduziert haben, das beobachten wir bei unseren Kindern und es macht irgendwie auch einfach Sinn. Wenn nicht alles vorgekaut da liegt, macht man sich selber Gedanken – ganz einfach.

Das Schöne am spielzeugfreien Kinderzimmer ist, dass die Kinder nach ihrem Interesse spielen können, ohne Vorgaben, mit Dingen ihrer Wahl und in dem Themenbereich, der sie gerade beschäftigt. Ich bin sicher, sie lernen eher mehr als andere Kinder mit einem vollen Kinderzimmer. Das Plus ist die Kreativität – es ist eben nicht alles gleich verfügbar, manches muss man sich erst überlegen und basteln und dabei nochmal diverse andere Fähigkeiten anwenden.

Was, wenn mein Kind dann mit manchen Dingen gar nicht mehr spielt, wenn ich sie wegräume?

Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit passieren. Denn die meisten ihrer Spielzeuge haben sich eure Kinder nicht selbst ausgesucht. Würdet ihr Kleidung anziehen, die euch jemand anders in den Schrank gelegt hat?

Was ihr nicht befürchten müsst ist, dass die Kinder Spielzeug, das weggeräumt wurde, vergessen. Ganz sicher nicht. Beispiele? Gerne!

Unsere Kinder haben einige Puzzle. Sie haben früher mal ein bisschen gepuzzelt, so richtig den Drive hatten sie dabei aber nie. Sie liegen im Schrank und sehen nie das Tageslicht. Bis neulich – da holten sie sie plötzlich raus und puzzelten ohne Pause. Ziemlich schnell war mir klar, dass für M. die meisten Puzzle plötzlich zu leicht waren und wir kauften ihm ein neues, schwereres, das er dann oft puzzelte. Dann verschwanden sie wieder im Schrank und liegen da seitdem. Bis zum nächsten „Anfall“. Außer Sicht, aber nicht vergessen.

Noch ein Beispiel: M. hat Buchstabenstempel. Irgendwann mal, ich glaube zum 4. Geburtstag gekriegt. Haben ihn bisher nie wirklich interessiert, aber neulich hat er sich morgens stundenlang damit beschäftigt und alle Worte gestempelt, die er schon irgendwie buchstabieren konnte.

Dass dann (teure) Spielzeuge ungenutzt im Schrank bleiben ist, wie so oft, eher euer Problem…

Ein sehr schönes Buch zum Thema Frühförderung ist übrigens „Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“ von Herbert Renz-Polster.

Alles von dem wunderschlauen Menschen Gerald Hüther ist ebenfalls sehr lesens- und hörenswert und wird, wenn ihr ihn noch nicht kennt, Eure Ansichten in Bezug auf Lernen und Entwicklung revolutionieren.

 Wie seht ihr das? Freut ihr euch am leeren Zimmer und an jedem Spielzeug, das aussortiert wird, oder schwingt eher Beunruhigung mit?
Spielzeugfrei bei uns heißt:
Wir haben alles Spielzeug aus dem Kinderzimmer herausgenommen, es ist für die Kinder aber jederzeit rückholbar. Unsere Anfangsregel „Jeder darf 3 Spielzeuge im Zimmer behalten und von Zeit zu Zeit austauschen“ wird relativ lax gelebt. Oft wird nur eine Sache gewünscht, manchmal wochenlang nicht getauscht, und manchmal möchten die Kinder mehr als drei Dinge haben. Da es uns nicht um das Durchsetzen von Regeln, sondern um ein harmonisches Miteinander geht, schieben wir keine Riegel vor. Die Kinder haben in den ersten Wochen selbst gesehen, wie viel besser es ihnen im „leeren“ Zimmer geht und wollen selten viele Spielzeuge zur gleichen Zeit haben. Das Tauschen macht ihnen Spaß und hilft ihnen, sich besser auf ihre gegenwärtigen Spielzeuge zu konzentrieren.
Für uns war diese Methode wesentlich gangbarer, als ein endgültiges Aussortieren von Spielzeugen. So konnten die Kinder problemlos ihr Zeug wegräumen, da sie wussten, sie können es theoretisch jederzeit wieder haben.