Die eigene Hemmschwelle

Ich kenne so gut wie keine Eltern, die nicht über die Menge an Spielzeug im Kinderzimmer stöhnen. Es wäre theoretisch ein Leichtes, das zu reduzieren. Niemand sagt bei der Geburt seines Babys „So, lasst uns Spielzeug kaufen, dieses Kind soll ALLES haben“. Zu Beginn haben viele den gleichen Plan – einige schöne Dinge für das Kind, mit denen sich möglichst vielseitig spielen lässt. Dann bekommt man einiges geschenkt, was man nicht einfach ablehnen mag. Man sieht selbst Schönes, was man gerne fürs Kind hätte. Und dann fängt das Kind irgendwann auch an, sich selbst Dinge zu wünschen. Bumm, das Kinderzimmer ist voll und das Kind ist erst 4, 5 oder 6.

Wieso fällt es uns so schwer,  unsere Kinder ohne (bzw. mit wenig) Spielzeug aufwachsen zu lassen? Unsere eigenen Wünsche spielen dabei sicher eine große Rolle. Bei mir sind es z. B. Erinnerungen an eigenes Spielzeug und ich möchte, dass die Kinder genau so viel Spaß damit haben. Dass sie ganz andere Interessen haben (und in einem ganz anderen Alter sind), lasse ich dabei außer acht. Und so stehen im Kinderzimmer Puppenküche und Schleichtiere – die unsere Kinder so gar nicht interessieren.

Wir möchten unseren Kindern ein wunderschönes Leben ermöglichen. Wir sehen sie weniger als uns lieb wäre, weil wir so viel arbeiten müssen und sie in die KiTa gehen. Wir möchten, dass es ihnen an nichts fehlt. Alle haben Spielzeug, es wäre doch gemein, wenn unsere keins (oder weniger) hätten! Kinder müssen spielen, dafür brauchen sie Spielzeug, oder? Ganz am Anfang kommt sicherlich auch hinzu, dass man jeden neuen Entwicklungsschritt des Babys erwartet und nach Kräften unterstützen möchte – und die Mär, dass dies nur mit dem richtigen Greifling / Spielzeug möglich sei, verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Und außerdem ist es doch soooo niedlich / pädagogisch wertvoll / teuer gewesen / vom lieben Menschen geschenkt…

Es gibt einige Dinge, die wir unseren Kindern geben, obwohl sie eigentlich ungesund sind. Zucker zum Beispiel. Zu viel Spielzeug. Andere Dinge, die ungesund sind, würden wir ihnen niemals geben: Alkohol, Zigaretten, Honig für Babys. Wie kommt das? Ist es das Gruppengefühl? Zucker ist doch so lecker, ab und zu wird schon nicht schaden… ALLE geben ihren Kindern Süßigkeiten, das kann nicht so schlimm sein. Klingt ähnlich, wie die Spielzeuggründe, oder?

Wenn wir uns nun einfach ähnliche Maxime wie beim Alkohol für Kinder (definitiv ungesund, niemals für Kinder) aneignen würden, würde sich die Frage gar nicht mehr stellen. Beim Spielzeug ist das nicht ganz so einfach, denn je nach den Gegebenheiten zuhause brauchen die Kinder schon etwas an Material zum Spielen – ohne Garten und die Möglichkeit, (alleine) nach draußen zu gehen, stellen sich schon andere Ansprüche ans Kinderzimmer. Aber es wäre durchaus möglich zu reduzieren z. B. auf

  • einige verschieden große Tücher und Decken zum Verkleiden und Höhlen bauen
  • Bausteine
  • Bastelmaterial (unsere Kinder basteln so gut wie alles aus Papier – Schmuck, Flugzeuge, Drachen, Pferd und Reiter, Schnee, Geld…)
  • etwas Puppenähnliches

Diese Liste gilt für uns, mit geringen Adaptionen könnte man sie aber sicher für jedes Kind und Alter passend machen.

Ja, man muss sicherlich selbst dann etwas mehr Engagement zeigen – je nach Alter beim Basteln helfen und Material zugänglich machen, die eigenen Küchenutensilien rausgeben, Vorlesen, Rausgehen. Die Kreativität, die die Kinder an den Tag legen, sobald nicht alles in mundgerechten Häppchen vor ihnen und um sie herum liegt, ist allerdings erstaunlich und jeden „Aufwand“ wert.

Spielzeugfrei – oder spielzeugreduziert – erfordert ein Umdenken. Nicht ETWAS schenken, sondern Zeit schenken. Nicht „geh spielen“, sondern -Du willst Prinzessin sein? Was könnten wir als Umhang/Kleid nehmen? Eine Krone basteln… Mamas hochhackige Schuhe ausnahmsweise ausleihen…-
Was noch ganz toll und einfach ist: Seltenheitswert. Sobald wir etwas nur ganz selten machen, erhebt es sich aus der Normalität und ist es dann ein großes Erlebnis.

Nicht zuletzt können wir uns vor Augen halten, dass Kinder die Welt noch ganz anders sehen als wir. Für sie steckt in vielem eine große Faszination, was für uns völlig normal ist. Nachts rausgehen und Sterne ansehen – für unsere Kinder ein Fest. Kerzen anzünden in der ganzen Wohnung. Als ganze Familie zusammen auf dem Sofa kuscheln und vorlesen oder einen Film sehen (wird bei uns unter „Kuschelparty“ geführt. Dazu gehört allerdings noch Popcorn.)

Was ich jedem nur raten kann: Einfach mal ausprobieren (bzw. an Babyeltern: gar nicht erst anfangen). Wir haben die Entscheidung lange vor uns hergeschoben und dann war es plötzlich so einfach und ging so schnell. Es braucht keinen großen Keller oder Dachboden. Das Spielzeug in Kisten verpacken und oben auf dem Schrank deponieren. Oder in einem anderen Zimmer. Bei uns stehen die Kisten ganz sichtbar im Kinderzimmer – aber die Kinder sehen sie überhaupt nicht bzw. fragen nicht danach. Es muss also gar keine große Aktion sein.

Im größeren Stil braucht es braucht natürlich etwas Unterstützung von der (schenkenden) Umwelt. Aber darum geht es im nächsten Artikel!

2 Gedanken zu “Die eigene Hemmschwelle

  1. Ich glaube ein wichtiger Punkt ist – wie du sagst – die Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft. Alle Kinder dürfen Süßigkeiten essen, alle Kinder dürfen Fernsehen, alle Kinder haben (viel) Spielzeug. Meine Kinder essen (= bekommen) wenig Süßes, schauen wenig Fernsehen (im Sinne von selten, wenn sie dürfen, dann erlaube ich auch mehrere Folgen hintereinander) und haben meiner Meinung nach zu viel Spielzeug, im Vergleich zu anderen Kindern aber wenig. Bis jetzt ging es noch ganz gut, aber so langsam wird es schwierig, weil die Große (4 1/2) sieht, was andere dürfen. JEDES MAL, wenn sie bei Freundinnen ist, dürfen sie fernsehen. Ihre beste Freundin bekommt gefühlt täglich irgendwelchen Kleinkram von ihren Eltern geschenkt, zum Geburtstag und Weihnachten wird sie dann mit großen Geschenken überhäuft. Ich bleibe meinen Prinzipien zwar weitestgehend treu, habe aber Angst, dass sie sich irgendwann ausgegrenzt/ungerecht behandelt fühlt (warum dürfen/bekommen die und ich nicht?).

    Ein weiterer Punkt, was das Spielzeug angeht: wenn das Spielzeug weg ist „müssen“ sich ja die Eltern mit den Kindern beschäftigen. Ich glaube das ist für viele – wenn auch unterbewusst – ein „Problem“. Ich habe schon oft erlebt, dass ich den Kindern ein Buch vorlas, während andere Eltern schnell den Fernseher oder ein Hörbuch anmachen. Meine Bitte (an die Eltern) mich das Buch eben noch zu Ende lesen zu lassen wurde dann oft überhört. Oder das Hörbuch statt der Einschlafbegleitung, geht ja so viel einfacher/schneller. Ich bin auch froh, wenn sich meine Kinder selbst beschäftigen, aber wenn das nicht klappt versuche ich sie eben mit einzubeziehen oder unterbreche meine Tätigkeit und mache was mit ihnen, je nach Situation. Und Erfahrungsgemäß führt viel Spielzeug auch nicht dazu, dass sich die Kinder alleine beschäftigen 😉

    Bei uns ist der größte Faktor unser schenkendes Umfeld. Meine Schwiegereltern haben immer eine Kleinigkeit für die Kinder (und wenn es nur Socken oder alte Kinderbücher meines Mannes sind). Wir haben von Anfang an an Geburtstagen und Weihnachten gesagt: bitte nur EIN Geschenk pro Partei, oder gerne auch eins von mehreren Zusammen. Die Kinder sind mit dem Auspacken einfach überfodert. Aber da halten sich die wenigsten dran. „Ach, das ist doch nur eine Kleinigkeit“… ja ja, und diese Kleinigkeit fliegt hier wieder rum…

  2. Hallo.

    Ich bin schon vor einiger Zeit auf das Thema „spielzeugfrei“ gestoßen. Habe es dann aber wieder aus den Augen verloren.

    In letzter Zeit merke ich, dass es alle hier viel Kraft und gute Laune kostet, wenn es ums Aufräumen und das Thema „meins und deins“ geht.

    So bin ich über die Suchmaschine auf deinen Blog gestoßen und war von der Idee wieder total begeistert.

    Beim Lesen kamen mir folgende Fragen:
    Geht spielzeugfrei/-reduziert auch mit 2-Jährigen?
    (Jetzt beim Schreiben der Frage frage ich mich „Warum nicht?“ 😊)
    Wie handhabt ihr es mit Gesellschaftsspielen und Puzzlespielen?

    Eins steht fest: Am Wochenende gehts los!

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