Spielzeugfreie Alternativen: Ein Tag im Wald

Eine neue Serie mit spielzeugfreien Alternativen auf dem Blog – wir fangen im Frühling an, das ist natürlich einfach, aber auch für trübe Regentage wird es Ideen geben!

Beim Nachdenken über das Reduzieren (oder ganz Weglassen…) von Spielzeug stellt sich oft die Frage: Und dann? Was machen die Kinder stattdessen?

Ganz ehrlich: Für die Kinder stellt sich diese Frage meistens nicht. Sie haben einen besseren Blick auf ihre Lieblingsspielzeuge, wenn ihnen die ganze Masse nicht mehr die Sicht verstellt. Sie basteln sich schnell aus vorhandenem Material Ergänzung, wenn etwas fehlt. Sie spielen mit ganz neuen Dingen – bauen Höhlen aus Sofakissen, vergnügen sich endlos mit einem Seil, das vorher nur in der Ecke lag und, und, und…

Habt ihr das Glück, eure Umstellung im Frühling oder Sommer anzufangen, dann geht einfach raus. Die Kinder werden es lieben und das Kinderzimmer wird beim ersten regnerischen oder kalten Drinnentag genug Anreize bieten, auch wenn die Regale etwas leerer sind.

Trotzdem ist es nicht schlecht, ein paar Tricks auf Lager zu haben. Die meisten davon machen sowieso Spaß, sie kombinieren Alltagsdinge mit so genannter „Quality Time“ und die Kinder haben die Möglichkeit, viel zu lernen.Wir haben hier natürlich das Rad nicht neu erfunden, aber manchmal ist es nicht schlecht, auf ganz Offensichtliches nochmal gestoßen zu werden, einfach, um es etwas in Erinnerung zu rufen.

Der erste Beitrag der spielzeugfreien Alternativen geht um den, wie ich finde, natürlichen Lebensraum von Kindern: Die Natur. In Berlin sagen wir: „Rausfahren“.

Spielzeugfrei_Wald-Titel

Es gibt wenig, was uns als Familie so gut tut, wie ein Tag am See oder im Wald. Die Sonne im Gesicht, Kinder, die sich stundenlang mit Stöcken am Wasser vergnügen… Da fehlt uns nichts.

Wald

Bei passendem Wetter suchen wir uns einfach eine schöne Stelle im Wald oder am See, an der wir dann bleiben. Im Idealfall kann man hier klettern (aber als Kind, ganz ehrlich, wo kann man NICHT klettern???), etwas Wasser ist natürlich etwas ganz feines, aber auch sonst gibt es genug zu entdecken. Gerade um Berlin gibt es oft ganz unverhoffte Sandflecken mitten im Wald – ein Traum! Haben wir dann Sandspielzeug dabei? Natürlich nicht… (nicht aus Überzeugung, sondern aus Vergesslichkeit… Ich bin froh, wenn ich eine Wasserflasche dabei hab!). Das macht aber nichts. Es gibt Stöcke zum Graben, Rinde zum Schaufeln, Hände – ach, Hände!

Spielzeugfrei-Wald-LaufradAn diesem Wochenende war zwar schöne Sonne, aber zum Sitzen war es uns (Erwachsenen) doch etwas zu kalt. Die Kinder laufen, seit ich aus Versehen verkündet habe, heute wäre Frühlingsanfang, eigentlich nur noch barfuß und ohne Jacke, die hätte es nicht gestört. Aber wir Erwachsenen gehen wahnsinnig gern spazieren. Die Kinder gehen wahnsinnig ungern spazieren. Das hat in der Vergangenheit schon öfter für größere Interessenskonflikte gesorgt. Zumindest an diesem Wochenende haben wir die perfekte Lösung für uns alle entdeckt: Wir haben ein Laufrad mitgenommen. Ja, EIN Laufrad. Für zwei Kinder, die eigentlich super laufen und Fahrrad fahren können. Aber das Laufrad, das ich immer nur als Vorstufe zum Fahrradfahren angesehen habe, hat einen ganz eigenen Reiz und es hat auch für unsere Zwecke diesmal immense Vorteile gehabt: Klein genug, um es zwischendurch auch mal zu tragen. Fährt super auf Waldboden. Beide Kinder passen trotz Größenunterschied irgendwie drauf. Wir haben es nicht so oft dabei, also auch der Seltenheitswert war nicht zu unterschätzen.

Spielzeugfrei_Wald-Stöcke

Statt dem üblichen Bild (zehn Meter vom Auto weg hat der erste Hunger, die zweite kann nicht mehr und will getragen werden, dreißig Meter weiter kommt ein kurzes Schattenstück, allen ist kalt. Es ist laaangweilig… Wann sind wir da? Der zweite kann nicht mehr – theatralisches Zusammenbrechen am Waldrand. Ältere Spaziergänger kommen vorbei und lächeln mitleidig. Fünfzig Meter weiter bin ich eigentlich bereit umzukehren, L. trägt heroisch mindestens ein Kind auf den Schultern, dazu den Rucksack und mehrere Jacken, während ich das andere Kind emsig auf „tolle Käfer“, „seltene Blätter“ usw. aufmerksam mache…) sah man uns also diesmal flott vom Auto losstratzen und so ging es auch weiter. Ein Kind fuhr, das andere rannte hinterher, voraus, nebenher, schob an, mit den unvermeidlichen Stöcken spielten sie bald Tjosten und Ritterkampf. Jeder kleine Hügel wurde zum Berg, den sie abwechselnd runterfuhren und viel zu schnell waren wir schon am alten Forsthaus (wichtige „Regel“ Nummer 2 für Familienausflüge: Ein Ziel haben, möglichst mit Essbarem und / oder Tieren), wo es heißen Holundersaft und Wildleberwurstbrot gab, außerdem Hühner und Esel zum Angucken, Nachmachen und Streicheln und, ha!, einen tollen Berg, den die beiden dann (zu zweit auf dem Laufrad – hatte ich schon erwähnt, wie froh ich bin, dass wir das mitgenommen haben?) immer und immer wieder in einem Affenzahn runtergesaust sind. Zur Freude aller anderen Ausflügler.

Der Rückweg war streckenweise etwas zäh (es war auch schon spät), aber als auf der Zielgeraden (ein Kind saß schon auf den Papaschultern), der Große dann auch nicht mehr konnte und das Laufrad liegen ließ, hab ich mich kurzerhand draufgesetzt und plötzlich wurde ich Bis. Zum. Auto. Geschoben!  Sachen gibt’s…

laufrad

 

Spielzeugfreies Badezimmer

Badewanne-GießkanneSpielzeug im Badezimmer? Naja, in der Badewanne wollen die Kinder sich ja nicht entspannt bei Kerzenschein zurücklegen. Sie wollen planschen und spielen. Um sie (und das Wasser) dabei möglichst innerhalb der Wanne zu halten, haben wir ihnen ganz schnell alles mögliche Spielzeug dazu gegeben. Mein persönliches Lieblings-Fail dabei: diese kleinen Gummi-Spritztiere! – Ekelhaftes Material, die Kinder kapieren den Mechanismus überhaupt nicht und außerdem BLEIBT DAS WASSER DANN NATÜRLICH NICHT IN DER BADEWANNE.

Mittlerweile bin ich auch hier der Überzeugung, dass Kinder zum Baden kein Spielzeug brauchen, sondern Zeug (das ihr schon habt) zum Spielen. Mal ganz abgesehen von diesem fürchterlichen, weichgemachten Gummi, mit dem die Kinder am liebsten gar nicht und schon mal ganz überhaupt nicht nackt in Berührung kommen sollen. Gerade mit den Spritztieren wird dann auch mal gerne in den Mund gespritzt… bäh!

Also, hier kommen unsere Lieblinge für spielzeug- und möglichst schadstofffreien Badespaß:

  1. BadespielzeugAuf Platz 1 ganz klar leere Shampooflaschen. Zum Umfüllen, Wasser über den Kopf gießen, Spritzen (es geht einfach nicht ohne), schwimmen lassen, untergehen lassen. Wer hätte gedacht, was man alles mit einer leeren Shampooflasche anstellen kann? Noch besser sind zwei – dann kann man besser umfüllen. Oder drei. Oder vier… Also, NUR Shampooflaschen wäre eigentlich schon OK. (Die herkömmlichen Plastikflaschen sind nun natürlich auch nicht gerade der Ökohit. Meine ist von einem ultrateuren Bioshampoo und aus Hartplastik, da hab ich ein vergleichsweise gutes Gefühl. Besser als Weichgummispritztiere sind sie allemal.
  2. Badewannen-BootPlaymobil-Männchen. Hätte ich nie gedacht, aber die haben sich die Kinder bald selbst geholt und spielen damit versonnen beim Baden. Sehr süß und auch sehr ruhig. Es sei denn, ein Männchen springt immer aus der Wanne und muss wieder reingeholt werden…
  3. Gießkanne. Wir haben im Schwimmbad mal so eine kleine Plastikgießkanne gefunden und unser Mädchen hat sich so innig verliebt, dass wir sie mitgenommen haben, als der Besitzer nicht auffindbar war. Eine zweite musste schnell für den Bruder einziehen und sie machen ähnlich viel Spaß wie die Shampooflaschen.
  4. Waschlappen. Zum Auswringen, Füllen, Schwimmen lassen, anderen an den Kopf werfen…

BadefarbenMehr braucht’s eigentlich nicht. Was die Kinder sonst noch sehr lieben, sind Badezusätze, besonders die Badewasserfarben. Knisterbad ist für kleinere Kinder oft etwas Unheimlich… Badeknete haben wir auch ausprobiert, fanden die Kinder auch ganz OK, aber die Wanne sah nachher echt abenteuerlich aus und es geht auch gut ohne, finde ich…

Unsere Badewannenspielzeuge haben wir in einer Holzkiste im Badregal liegen. Wenn die Kinder in die Wanne gehen, suchen sie sich daraus etwas aus – es ist also selten alles zusammen in der Wanne.

Neulich haben wir abends (ich wünschte mir etwas Ruhe) übrigens das Licht gedimmt, einen Lavendelbadezusatz reingemacht und Kerzen angezündet und dabei habe ich dann vorgelesen. DAS war ein Erlebnis für die Kinder, sie waren begeistert!

Spielzeugfrei und Frühförderung

Frühförderung (1)

Die Spielzeugflut in den Kinderzimmern hat, so zeigen Gespräche mit und Kommentare von Eltern sowie unseren eigene Erfahrungen, in fast allen Familien eigentlich die gleichen Gründe. Oder besser gesagt: Der Versuch, das Spielzeug zu reduzieren scheitert an den gleichen Gründen. Das sind bei nahezu allen Familien die Großeltern oder, etwas neutraler formuliert, die Schenkenden (es sind aber wirklich meistens die Großeltern…). Die andere große Hürde sind die Eltern selbst und hier oft ihre Angst, den Kindern ohne Spielzeug etwas Wichtiges vorzuenthalten. Stichwort: Frühförderung!

Ich erinnere mich noch sehr gut, als eine Mutter aus unserer Krabbelgruppe bei der zweiten Geburtstagsfeier ihres Sohnes ihr Geschenk – ein Puzzle – damit kommentierte, er möge das zwar nicht, aber er müsse ja nun mal langsam puzzeln lernen. Ich weiß noch, wie verwundert ich damals war. Puzzeln stand bei M. damals sowas von überhaupt nicht auf dem Plan (das kam erst viel später und auch dann nur kurz) und ich hatte tatsächlich kurz Angst: Huch, er muss jetzt puzzeln können? Haben wir was verpasst??? Ich hab es dann für mich abgeschrieben und das Kind ist auch so glücklich 6 geworden und kann jetzt puzzeln. Andere (feinmotorische) Dinge kann er aber viel besser – z. B. superkrasse Flugzeuge ohne Anleitung aus Lego bauen oder mit dem Schnitzmesser umgehen.

WaldEine andere Begebenheit war eine Freundin von mir, die sagte, sie „könne“ ihre Kinder nie in eine Waldkita geben (immer unser Traum gewesen), weil sie da ja nicht lernen würden, mit Scheren umzugehen, zu malen, basteln usw. Das habe ich nun schon damals nicht verstanden, denn erstens haben die Kinder ja durchaus noch ein Leben außerhalb der KiTa und außerdem geht es z. B. beim Schneiden ja nicht nur um das Üben mit der Schere selbst, sondern vor allem um die nötige Feinmotorik und das vernetzte Denken, das sie aber wunderbar im Wald lernen – beim Basteln mit Stöcken, beim Aufschichten von Steinen und, und, und…

Wie dem auch sei – es gibt also oft Gelegenheiten, bei denen vielen Gedanken à la „Aber lernt mein Kind dann genug?“ kommen. Ich bin, wie ihr wisst, überzeugte Verfechterin der These, das Kinder alles aus sich selbst heraus lernen. Natürlich nicht in einem leeren und anregungslosen Raum. Aber sie brauchen kein Puzzle um puzzeln zu lernen, sie brauchen keinen Steckkasten, um Formen zu begreifen und sie brauchen mit Sicherheit kein Spielzeug um sich drehen, krabbeln, laufen, greifen usw. zu lernen. Sie brauchen Alltag. Alltagsgegenstände. Vorbilder – Kinder wie Erwachsene. Sie brauchen Möglichkeiten, (sich) auszuprobieren, Fehler zu machen und selbst daraus zu lernen, ohne dass wir ihnen sofort sagen dass A) das jetzt gerade falsch war und B) sie es folgendermaßen besser machen können.

Was heißt das nun für spielzeugfrei? Bleiben die Kinder hinter ihren Altersgenossen auf der Strecke, weil sie kein Spielzeug haben?

Erstmal: Wohl die wenigsten haben wirklich KEIN Spielzeug. Es geht ja, auch bei uns, eher um das Reduzieren.

Spielzeugfrei macht kreativer. Das wurde im spielzeugfreien Kindergarten beobachtet, das erzählen Familien, die ebenfalls reduziert haben, das beobachten wir bei unseren Kindern und es macht irgendwie auch einfach Sinn. Wenn nicht alles vorgekaut da liegt, macht man sich selber Gedanken – ganz einfach.

Das Schöne am spielzeugfreien Kinderzimmer ist, dass die Kinder nach ihrem Interesse spielen können, ohne Vorgaben, mit Dingen ihrer Wahl und in dem Themenbereich, der sie gerade beschäftigt. Ich bin sicher, sie lernen eher mehr als andere Kinder mit einem vollen Kinderzimmer. Das Plus ist die Kreativität – es ist eben nicht alles gleich verfügbar, manches muss man sich erst überlegen und basteln und dabei nochmal diverse andere Fähigkeiten anwenden.

Was, wenn mein Kind dann mit manchen Dingen gar nicht mehr spielt, wenn ich sie wegräume?

Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit passieren. Denn die meisten ihrer Spielzeuge haben sich eure Kinder nicht selbst ausgesucht. Würdet ihr Kleidung anziehen, die euch jemand anders in den Schrank gelegt hat?

Was ihr nicht befürchten müsst ist, dass die Kinder Spielzeug, das weggeräumt wurde, vergessen. Ganz sicher nicht. Beispiele? Gerne!

Unsere Kinder haben einige Puzzle. Sie haben früher mal ein bisschen gepuzzelt, so richtig den Drive hatten sie dabei aber nie. Sie liegen im Schrank und sehen nie das Tageslicht. Bis neulich – da holten sie sie plötzlich raus und puzzelten ohne Pause. Ziemlich schnell war mir klar, dass für M. die meisten Puzzle plötzlich zu leicht waren und wir kauften ihm ein neues, schwereres, das er dann oft puzzelte. Dann verschwanden sie wieder im Schrank und liegen da seitdem. Bis zum nächsten „Anfall“. Außer Sicht, aber nicht vergessen.

Noch ein Beispiel: M. hat Buchstabenstempel. Irgendwann mal, ich glaube zum 4. Geburtstag gekriegt. Haben ihn bisher nie wirklich interessiert, aber neulich hat er sich morgens stundenlang damit beschäftigt und alle Worte gestempelt, die er schon irgendwie buchstabieren konnte.

Dass dann (teure) Spielzeuge ungenutzt im Schrank bleiben ist, wie so oft, eher euer Problem…

Ein sehr schönes Buch zum Thema Frühförderung ist übrigens „Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“ von Herbert Renz-Polster.

Alles von dem wunderschlauen Menschen Gerald Hüther ist ebenfalls sehr lesens- und hörenswert und wird, wenn ihr ihn noch nicht kennt, Eure Ansichten in Bezug auf Lernen und Entwicklung revolutionieren.

 Wie seht ihr das? Freut ihr euch am leeren Zimmer und an jedem Spielzeug, das aussortiert wird, oder schwingt eher Beunruhigung mit?
Spielzeugfrei bei uns heißt:
Wir haben alles Spielzeug aus dem Kinderzimmer herausgenommen, es ist für die Kinder aber jederzeit rückholbar. Unsere Anfangsregel „Jeder darf 3 Spielzeuge im Zimmer behalten und von Zeit zu Zeit austauschen“ wird relativ lax gelebt. Oft wird nur eine Sache gewünscht, manchmal wochenlang nicht getauscht, und manchmal möchten die Kinder mehr als drei Dinge haben. Da es uns nicht um das Durchsetzen von Regeln, sondern um ein harmonisches Miteinander geht, schieben wir keine Riegel vor. Die Kinder haben in den ersten Wochen selbst gesehen, wie viel besser es ihnen im „leeren“ Zimmer geht und wollen selten viele Spielzeuge zur gleichen Zeit haben. Das Tauschen macht ihnen Spaß und hilft ihnen, sich besser auf ihre gegenwärtigen Spielzeuge zu konzentrieren.
Für uns war diese Methode wesentlich gangbarer, als ein endgültiges Aussortieren von Spielzeugen. So konnten die Kinder problemlos ihr Zeug wegräumen, da sie wussten, sie können es theoretisch jederzeit wieder haben.